Wie viel Förderung braucht mein Kind?
Nachhilfe, Blockflöte, Kinder-Yoga, Logopädie - das Angebot an Förder- und Hilfsangeboten für Kinder ist kaum noch zu überblicken. Viele Eltern fühlen sich überfordert mit der Frage, wie viel und welche Förderung ihr Kind tatsächlich braucht. Das DON BOSCO magazin sprach darüber mit Josef Zimmermann, Leiter der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche der Caritas in Köln.
Viele Eltern fragen sich, wie sie ihr Kind bestmöglich fördern können. Sind die Sorgen übertrieben?
Josef Zimmermann: Es ist grundsätzlich immer berechtigt, wenn Eltern sich sorgen. Verschärft wird das aber heute dadurch, dass Eltern andere Eltern erleben, die ihr Kind schon sehr früh fördern. Das setzt ein Konkurrenzdenken in Gang. Eltern sorgen sich heute ganz schnell, ob ihr Kind in der wirtschaftlichen Entwicklung mithalten kann. Sie haben immer weniger Vertrauen in die Entwicklung ihres Kindes und vertrauen immer weniger darauf, dass es einen guten Platz in der Gesellschaft finden wird. Unsere Wirtschaftsform dringt mit ihrer Forderung nach Schnelligkeit und andauerndem Lernen massiv ins Familienleben ein.
Einige Kinder gehen von einem Kurs zum nächsten, andere erhalten keinerlei Lernanreiz. Haben Kinder ohne Förderung später überhaupt noch eine Chance?
Es stimmt, die Schere geht immer weiter auseinander. In Deutschland entscheidet die soziale Herkunft massiv darüber, welchen schulischen und beruflichen Erfolg das Kind einmal haben wird. Aber ich glaube, dass viel von der Förderung, die einem Kind geboten wird, dem Kind gar nichts nutzt. Ein Kind ist von Geburt an darauf angelegt, sich zu binden und die Welt zu erkunden. Wenn es Erwachsene um sich hat, die mit Liebe und Zeit Fragen beantworten, ihnen Lernerfahrungen zugestehen, dann ist das die optimale Förderung. Ein Kind muss nicht mit drei Jahren Englisch lernen. Wenn Kinder bis zu einem Alter von vier oder fünf Jahren die Erfahrung gemacht haben, dass Lernen Spaß macht, dann greifen sie die Förderung, die durch Kindertagesstätte oder Schule auf sie zukommt, begierig auf. Kinder, denen eine sichere Bindung fehlt oder die in ihren Fragen und Erkundungen Desinteresse oder gar Ablehnung erfahren, entwickeln Angst vor der Welt oder fühlen sich überfordert und bleiben in der Entwicklung blockiert.
Wann ist professionelle Hilfe nötig?
Immer dann, wenn ein Kind in seiner natürlichen Neugier gestört ist. Wenn Eltern merken, dass ein Kind wenig Fragen stellt, dass es zu zurückgezogen ist und zu ängstlich auf Neues reagiert, dann ist es angebracht, genauer hinzuschauen. Professionelle Hilfe ist zudem nötig, wenn deutliche Störungen in der motorischen oder in der sprachlichen Entwicklung vorliegen. Dabei geht es aber nicht primär um Förderung, sondern darum, Blockaden beiseitezuschieben, die im Kind oder aufgrund von familiären oder sozialen Problemen entstanden sind.
Interview: Christina Tangerding
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