Alles zu viel?
Lisa kann sich heute nicht mit Jakob treffen. Sie hat um 15 Uhr Reiten und um 17 Uhr muss sie Gitarre üben. Morgen geht es leider auch nicht, weil mittwochs immer Tanzstunde ist. Donnerstag: Gitarrenunterricht, Freitag: Ja, das könnte gehen. Auch Sophie ist vielbeschäftigt, ebenso Tim. Nur mein Jakob hat am Nachmittag nach den Hausaufgaben fast immer Zeit. Er geht nur am Donnerstag zum Theaterspielen, seine Herzenssache. Alle anderen Aktivitäten sind ihm zu viel. Klavier hat er wieder aufgegeben, als ihm klar wurde, dass man das alle zwei Tage üben muss. Sport macht er in der Schule, mehr will er nicht.
Bei den Kleinen ist es aber oft wie bei den Großen: Es ist immer schwierig, sich zu verabreden, und ohne Terminkalender geht gar nix. Jakobs Freunde haben prall gefüllte Nachmittagspläne, straff organisiert und überwacht von den Mamas. Ausnahmen zwecklos. Bildung verpflichtet. Spontanes Spielen kommt selten vor.
Das Leben von Kindern ist anstrengend
Wie die Kinder das aushalten, ist mir ein Rätsel. Denn der Stress beginnt ja nicht erst am Nachmittag. Schule ist bestens geeignet, Kinder darauf vorzubereiten, dass wir nicht fürs Leben, sondern für gute Noten lernen. Eine Stunde Hausaufgaben im dritten Schuljahr reicht nicht mehr aus. Zwei Stunden sind die Regel. Jakob ist oft richtig sauer deswegen. Wenn er dann gegen 16 Uhr endlich alles erledigt hat, findet er nur schwer ins unbeschwerte Spielen. Das Leben von Kindern ist anstrengend. Und so wie bei den Erwachsenen die psychosomatischen Beschwerden immer mehr werden und die Arbeitsausfälle aufgrund von psychischen Belastungen wachsen, vollzieht sich das gleiche auch bei unseren Kindern.
Wir Großen sind dafür verantwortlich, und ich frage mich immer wieder, wie ich selbst mich dazu stellen soll. Was ist das richtige Maß an Förderung und Bildung und wann und wie oft darf sich Lernen einfach unkontrolliert und ohne Zutun der Erwachsenen im kindlichen Spiel entfalten? Ich verstehe durchaus die Sorge von Eltern, dass ihr Kind zu wenig Rüstzeug für seinen Lebensweg bekommen könnte, wenn es nicht fortwährend gefördert wird. Mir selbst wird auch manchmal Angst und Bange, wenn ich überlege, was Kinder alles können sollen. Aber ich kann mich auch immer wieder selbst zur Ruhe bringen, wenn ich meine Kinder beim Spielen beobachte: ihre Versunkenheit, ihre Fantasie, ihre Hingabe an die Sache. Mir scheint, wir vergessen immer wieder, dass Spielen und Lernen keine Gegensatzpaare sind, sondern eine Einheit bilden. Erinnern Sie sich? Ihre grundlegenden Kenntnisse über Marktwirtschaft haben Sie sich auch nicht angelesen oder in der Schule gelernt, sondern beim Monopoly kapiert! Und Monopoly, das sei hier noch mal betont, ist kein Förder- und Lernspiel.
Lernen kann man auch im Spiel
Die allerdings gibt es zuhauf. Kein neues Spiel kommt auf den Markt, bei dem nicht betont wird, was damit alles beim Kind gefördert wird. Ich selbst bin ja schon mit einer Fülle von Spielen aufgewachsen, aber die Generation meiner Eltern überhaupt nicht. Liest man die Förderbereiche auf Spielen, müsste man eigentlich daraus schließen, dass diese arme alte Generation nur komplette Idioten hervorgebracht hat. Das war aber nicht so. Ganz im Gegenteil, der Bedarf an Kinderpsychologen, Logopäden, Lerntrainern, Ergotherapeuten usw. war verschwindend gering. Ich will damit nicht sagen, dass das heute alles nur überflüssiger Quatsch ist. Manches ist wirklich sehr hilfreich. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass ein bisschen weniger von allem ein Mehr an Lebensqualität für Kinder und ihre Eltern bedeuten würde. Lernen kann man auch im nachmittäglichen Spiel, Bildung hat ihren guten Platz am Vormittag im Kindergarten oder in der Schule.
Und noch eine kleine musikalische Erinnerung dazu von einer, die am besten wusste, was Kinder brauchen: Astrid Lindgren. Sie hat ihrer Pippi Langstrumpf das Lied „Faulsein ist wunderbar" in den Mund gelegt, und meine Kinder mögen das sehr gern singen. Laut und mit Wonne!
Gesa Rensmann (42) ist Lektorin in einem Fachverlag für Frühpädagogik und Religion. Mit ihrem Mann Kruno Ilakovac (40) und ihren beiden Kindern Jakob (8) und Ines (4) lebt sie in der Nähe von München. Im DON BOSCO magazin berichtet sie regelmäßig aus ihrem familiären Alltag.
Illustration: Mele Brink
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