Erfolgsrezept Berufsbildung
Wer im indischen Kastensystem ganz unten steht, dessen Weg scheint vorgezeichnet: kaum eine Chance auf gute Schulbildung, ein harter Job als Tagelöhner oder Haushaltshilfe und ein Leben in Armut. Doch die Salesianer Don Boscos setzen sich dafür ein, Jugendliche aus dieser Sackgasse zu befreien: Mit Don Bosco Tech betreiben sie ein Netzwerk aus Berufsbildungszentren im ganzen Land.
Natalis fährt ihren Computer in der Agrarbehörde in Shillong, Nordostindien, hoch und klemmt sich hinter das Telefon. Ihr Arbeitstag als Verwaltungsangestellte beginnt. Für die junge Frau ist ihr Arbeitsplatz immer noch ein kleines Wunder. „Ich konnte es kaum glauben, als ich die Zusage bekam", erklärt sie. „Das ist für mich so, als ob ein neues Leben beginnen würde."
Vor wenigen Jahren noch schienen ein gut bezahlter Job in unerreichbarer Ferne und ein Leben in Armut vorgezeichnet zu sein. Doch Natalis hatte Glück. Ihr Leben, das am Anfang unter keinem guten Stern stand - sie selbst musste ihren Eltern, beide Tagelöhner, früh bei der Arbeit helfen und konnte lange Zeit keine Schule besuchen - hat eine entscheidende Wende genommen. Was den Unterschied gemacht hat? „Meine Ausbildung", meint die 20-Jährige ohne zu zögern. „Hätte ich bei Don Bosco nicht die Möglichkeit bekommen, eine Schule zu besuchen und anschließend noch eine Ausbildung in der Verwaltung zu machen, würde sich mein Leben zwischen Putzeimer und Wäschezuber abspielen."
Mit elf Jahren begann Natalis als Hausangestellte zu arbeiten
Natalis lebt auf dem Land in Nordostindien nahe der Stadt Shillong. Hier leben auch ihre Eltern und ihre drei Geschwister. „Als ich klein war, arbeitete meinVater als Tagelöhner in der Landwirtschaft. Er verdiente fast nichts, aber es hat zum Sattwerden gereicht." Natalis besuchte die Schule, bis eines Abends ihr Vater schwer verletzt nach Hause getragen wurde. Er hatte sich bei der harten Arbeit schlimme Verletzungen zugezogen. „Von diesem Tag anwar er bettlägerig. An Arbeitenwar nicht mehr zu denken", erzählt Natalis. Sie brach die Schule ab, um zum Familienunterhalt beizutragen. Sie war gerade elf Jahre alt und besuchte die fünfte Klasse. „Meine Eltern hatten damals keine andere Wahl, wir hätten sonst nicht überleben können", erklärt sie rückblickend.
Als Haushaltsangestellte in fremden Häusern schuftete sie von frühmorgens bis spät am Abend. „Kochen, waschen, putzen und nebenbei die Kinder zu versorgen, das waren meine Aufgaben." Je schwerer die Arbeit war, desto mehr schwor sich Natalis, irgendwann einen Ausweg aus diesem Leben und der Armut zu suchen. „Aber ich hatte ja nicht einmal eine abgeschlossene Schulbildung." Per Zufall lernte das Mädchen über eine Nachbarin die Salesianer Don Boscos kennen. „Plötzlich bot sich mir die Möglichkeit, schulische Brückenkurse zu besuchen. Meine Arbeitgeber haben dem glücklicherweise zugestimmt, unter der Voraussetzung, dass die Arbeit im Haus nicht darunter leidet." Täglich zwei Stunden besuchte sie die Schule und erledigte die Hausarbeiten in Nachtschichten. Trotz der Belastung zahlte sich ihr Engagement aus und so holte sie in kürzester Zeit ihren Schulabschluss nach.
Seite 1 I Seite 2
Mehr Informationen
über die Missionsarbeit
der Salesianer Don Boscos
erhalten Sie unter
www.donboscomission.de
Profit und Hilfe Hand in Hand - eine deutsche Firma investiert in Straßenkinder
Drei Tage Armut - Karin Lamberty war bei einer armen Familie in Indien zu Gast
Weitere Themen
Plötzlich zu dritt - wenn Paare ein Kind bekommen
Ein Platz für die Erinnerung - ein Besuch auf dem Wiener Zentralfriedhof
Habt Vertrauen, fürchtet euch nicht - Kirche in stürmischen Zeiten
Da bist du raus aus der Gesellschaft - Jugendarmut in Deutschland
Wenn die Tage dunkler werden - unterwegs mit einer ambulanten Krankenschwester
Vom Spielplatz an die Front - die Geschichte eines Kindersoldaten
Nochmal durchstarten - Wie alte Menschen heute leben
Glaube ist keine Privatsache - Interview mit Wort-zum-Sonntag-Sprecherin Verena Maria Kitz
Traumjob Erzieherin? - Warum Erzieherinnen eine Menge Idealismus brauchen