Habt Vertrauen, fürchtet euch nicht! Kirche in stürmischen Zeiten
Das Vertrauen scheint dahin. Nur noch 17 Prozent der deutschen Katholiken sehen sich mit ihrer Kirche eng verbunden, so ein Ergebnis des Trendmonitors Religiöse Kommunikation 2010. Die Zahl der Austritte ist in den letzten Jahren gestiegen. An Priester- und Ordensnachwuchs mangelt es ohnehin. Und der Missbrauchsskandal vor einem Jahr hat das Ansehen der katholischen Kirche zutiefst erschüttert. Kein Wunder, dass vielerorts von der Krise der Kirche die Rede ist. Doch wie sieht ihre Zukunft aus? Wie kann Kirche es schaffen, die Menschen wieder zu begeistern? Das Don Bosco magazin hat bei Menschen nachgefragt, die es wissen müssen.
Der Pfarrer
Sonntag, kurz nach zehn Uhr morgens. In der Kirche St. Helena im Münchner Stadtviertel Giesing hat gerade der Kindergottesdienst begonnen. Auf den grauen Steinstufen vor dem Altar herrscht Gedränge. Rund 50 Kinder tummeln sich dort, Kerzen in der Hand, die Augen voll gespannter Erwartung auf die Ministranten gerichtet, die sie der Reihe nach anzünden. Heute wird Lichtmess gefeiert. Und die Kinder dürfen in einer kleinen Prozession durch die Kirche ziehen. Die Ältesten sind zehn oder elf Jahre alt, die Jüngsten werden von ihren Eltern auf dem Arm getragen. Der Kinderchor singt, die Orff-Gruppe spielt, die Gemeinde stimmt eifrig mit ein: „Lasset uns gemeinsam singen, loben, danken dem Herrn." Die Bankreihen, an denen die Kinder vorbeiziehen, sind gut gefüllt. Vor allem viele junge Familien sind gekommen zu dem Gemeinschaftsgottesdienst der Pfarrei St. Helena und ihrer Nachbargemeinde Heilig Kreuz, deren eigene Kirche derzeit renoviert wird.
Pfarrer Engelbert Dirnberger lächelt zufrieden. Er geht ganz am Ende des Zuges unter den letzten Kindern. Genau wie sie sucht er die Gesichter der Eltern in den Bankreihen und nickt dem einen oder anderen grüßend zu. Er freut sich, dass so viele gekommen sind. „Angebote für Familien mit Kindern sind ein Thema, bei dem Pfarreien heutzutage punkten können", ist er überzeugt. Vor drei Jahren hat er die Pfarrei Heilig Kreuz übernommen. „Der Gottesdienstbesuch liegt bei uns leider unter dem Münchner Durchschnitt - aber die Kindergottesdienste kommen sehr gut an."
Mit Familien-Angeboten punkten
Angebote für Familien sind deshalb einer von drei Schwerpunkten im Pastoralkonzept der Pfarrei. Schwerpunkt Nummer zwei ist die Seniorenseelsorge, da auch ein Altenheim zur Gemeinde gehört. Krankensalbung und Krankenkommunion, aber auch Bildungsangebote speziell für ältere Menschen bietet die Pfarrei in diesem Bereich an. Ihr dritter Schwerpunkt liegt bei Kunst und Kultur. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich dadurch gut Menschen ansprechen lassen, die eher kirchenfern sind, aber trotzdem auf der Suche nach einem tieferen Sinn im Leben", erklärt Dirnberger. Im Advent 2008 zum Beispiel hatte die Kirche Heilig Kreuz die Lichtinstallation „Credo" der Künstler Johannes Brunner und Raimund Ritz auf dem Dach. Leuchtkästen mit der Buchstabenfolge „Gott von Gott, Licht vom Licht" blinkten dort oben. Parallel dazu gab es eine Predigtreihe zum Glaubensbekenntnis. „Wir haben die Predigten damals auf CD aufgenommen. Und noch heute erzählen mir immer wieder Leute, dass sie manchmal diese CD herauskramen und sich die eine oder andere Predigt noch mal anhören", sagt Dirnberger. Auch mit Ausstellungen oder Theaterstücken konnte er schon Menschen in die Kirche locken, die in einem normalen Sonntagsgottesdienst nicht zu finden sind.
Und auch ein gut gemachter Kindergottesdienst kann Menschen neu von Kirche begeistern: „Ich bin selbst nicht sehr religiös", sagt Doris Ural, die mit ihrer neunjährigen Tochter in den Gottesdienst in St. Helena gekommen ist. „Aber meine Tochter hat in diesem Jahr Erstkommunion - und ihr gefällt es sehr gut hier." „Die machen das wirklich ganz super", bestätigt eine andere Mutter. Ihre vier Kinder freuen sich, dass sie zur Predigt und zum Vaterunser vorne am Altar stehen dürfen und dass die Predigt so einfach gehalten ist, dass auch sie die Botschaft verstehen.
Kirche bietet Sinn im Leben und ein Stück Heimat
„Ich glaube, die Menschen fragen heute sehr nach Qualität", sagt Engelbert Dirnberger. Deshalb liegt seiner Meinung nach die Zukunft der Pfarreien darin, sich auf bestimmte Seelsorgebereiche zu konzentrieren, statt von allem ein bisschen anzubieten. „Für die Bereiche, in denen eine Pfarrei selbst keine Angebote macht, kann sie sich dann Kooperationspartner suchen - eine Nachbarpfarrei etwa, Bildungswerke oder die Caritas." So ließen sich Kräfte bündeln und eine hohe Qualität in den Angeboten sichern. Und selbstverständlich habe Kirche damit eine Zukunft. „Die Menschen suchen heute vor allem zwei Dinge: einen tieferen Sinn im Leben und ein Stück Heimat und Vertrautheit in unserer globalisierten Welt", meint Dirnberger. „Und auf beides bietet die Kirche Antworten."
Den kleinen Besuchern im Kindergottesdienst wollen Engelbert Dirnberger und sein Kollege Johannes Baumer vor allem eine Antwort vermitteln: Gott hat dich lieb. Deswegen laden sie die Kinder am Ende des Gottesdienstes noch einmal nach vorn an den Altar ein. Schnell herrscht wieder Gedrängel auf den steinernen Stufen. Ein Kleinkind quietscht vergnügt, ein Baby quengelt, ein kleiner Junge turnt am Geländer vor dem Altarraum. Die beiden Pfarrer nehmen den Trubel gelassen. Sie machen jedem Kind ein Kreuzzeichen auf die Stirn als Zeichen dafür, dass jedes von ihnen von Gott geliebt wird und in der Kirche eine Heimat finden kann.
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